Kurzfristige Erfolgsrechnung (KER) im Fashion Retail

Die #KER sorgt im Modehandel für die Balance zwischen Emotionen und Fakten.
KER im Fashion-Retail

Die Kurz­fris­ti­ge Erfolgs­rech­nung KER bün­delt meh­re­re betriebs­wirt­schaft­li­che Kenn­zah­len, die erst im Zusam­men­spiel ein aus­sa­ge­kräf­ti­ges Bild erge­ben. Die Umsatz­ent­wick­lung ist die ers­te Kenn­zahl, auf die man schaut. Aber: wur­de die Umsatz­stei­ge­rung mög­li­cher­wei­se nur mit hohen Rabat­ten erreicht?

Die KER: Das Standardinstrument der Warensteuerung

Wer den wirt­schaft­li­chen Erfolg eines Mode­ein­zel­händ­lers beur­tei­len will, kommt an der kurz­fris­ti­gen Erfolgs­rech­nung, kurz KER, kaum vor­bei. Sie gehört zu den eta­blier­ten Instru­men­ten des deut­schen Tex­til­ein­zel­han­dels und ver­bin­det die Umsatz­ent­wick­lung mit der Kal­ku­la­ti­on, dem Waren­ein­satz und der Bestandsentwicklung.

Anders als eine klas­si­sche Gewinn-und-Ver­lust-Rech­nung kon­zen­triert sich die KER vor allem auf das ope­ra­ti­ve Waren­ge­schäft. Sie soll früh­zei­tig zei­gen, ob sich das Sor­ti­ment wie geplant ent­wi­ckelt, ob die kal­ku­lier­ten Mar­gen erreicht wer­den und ob sich der Waren­be­stand im Ver­hält­nis zum Abver­kauf sinn­voll entwickelt.

Die Beson­der­heit liegt in der Betrach­tung nach Waren­grup­pen und gege­be­nen­falls Lie­fe­ran­ten. Statt erst am Jah­res­en­de fest­zu­stel­len, dass ein Sor­ti­ment hin­ter den Erwar­tun­gen zurück­ge­blie­ben ist, kön­nen Händ­ler wäh­rend der Sai­son gegen­steu­ern – bei­spiels­wei­se durch eine Anpas­sung der Ein­kaufs­pla­nung, geziel­te Preis­re­du­zie­run­gen oder eine ver­än­der­te Warenverteilung.

Der Han­dels­ver­band Tex­til, Schu­he, Leder­wa­ren (BTE) betrach­tet die KER ent­spre­chend als wich­ti­ges Steue­rungs­in­stru­ment und als Grund­la­ge der Einkaufsplanung.

Welche sind die wichtigsten Kennzahlen der KER?

Die KER bün­delt meh­re­re Kenn­zah­len, die erst im Zusam­men­spiel ein aus­sa­ge­kräf­ti­ges Bild ergeben.

1. Umsatz und Umsatzentwicklung

Der Umsatz zeigt, wie viel Ware zu Ver­kaufs­prei­sen abge­setzt wur­de. Ver­glei­che mit Vor­jahr, Plan und Vor­pe­ri­ode machen sicht­bar, ob sich das Geschäft erwar­tungs­ge­mäß entwickelt.

Aller­dings sagt ein stei­gen­der Umsatz allein wenig über die wirt­schaft­li­che Qua­li­tät des Geschäfts aus. Er kann bei­spiels­wei­se durch hohe Rabat­te, eine ver­än­der­te Sor­ti­ments­struk­tur oder Preis­stei­ge­run­gen zustan­de kom­men. Des­halb muss der Umsatz stets gemein­sam mit Mar­ge, Absatz und Preis­ent­wick­lung betrach­tet werden.

2. Wareneingang und Bestandsentwicklung

Der Waren­ein­gang wird typi­scher­wei­se sowohl zu Ein­kaufs­prei­sen als auch zu kal­ku­lier­ten Ver­kaufs­prei­sen aus­ge­wer­tet. So lässt sich beur­tei­len, wie viel Ware ein­ge­kauft wur­de und wel­cher kal­ku­lier­te Umsatz­wert damit ver­bun­den ist.

Der Lager­be­stand wird eben­falls zu Ein­kaufs- und Ver­kaufs­prei­sen betrach­tet. Beson­ders wich­tig ist die Fra­ge, ob der Bestand schnel­ler wächst als der Umsatz oder Abverkauf.

Ein stei­gen­der Bestand muss nicht zwangs­läu­fig pro­ble­ma­tisch sein: Vor dem Sai­son­start ist er bei­spiels­wei­se durch­aus beab­sich­tigt. Ent­schei­dend ist, ob die Bestands­ent­wick­lung zum Sai­son­ver­lauf, zur geplan­ten Ver­kaufs­leis­tung und zur ver­blei­ben­den Ver­kaufs­zeit passt.

3. Kalkulation und erzielte Handelsspanne

Die Kal­ku­la­ti­on beschreibt den ursprüng­lich vor­ge­se­he­nen Abstand zwi­schen Ein­kaufs- und Ver­kaufs­preis. Die tat­säch­lich erziel­te Han­dels­span­ne berück­sich­tigt dage­gen, was nach Rabat­ten, Preis­re­du­zie­run­gen und wei­te­ren rele­van­ten Waren­wert­ver­än­de­run­gen tat­säch­lich übrig bleibt.

Ver­ein­facht gilt:

Roh­ertrag = Net­to­um­satz − Waren­ein­satz zu Einstandspreisen

Erziel­te Han­dels­span­ne = Roh­ertrag ÷ Net­to­um­satz × 100

Ein Bei­spiel mit fik­ti­ven Zah­len: Bei 100.000 Euro Net­to­um­satz und 40.000 Euro Waren­ein­satz beträgt der Roh­ertrag 60.000 Euro, die erziel­te Han­dels­span­ne 60 Prozent.

Die Dif­fe­renz zwi­schen geplan­ter Kal­ku­la­ti­on und erreich­ter Han­dels­span­ne zeigt, wie stark das Geschäft durch Preis­nach­läs­se, Aktio­nen oder ande­re Ein­flüs­se von der ursprüng­li­chen Pla­nung abweicht.

Wich­tig ist die sau­be­re Abgren­zung: Die genaue Berech­nung des Waren­ein­sat­zes und die Behand­lung von Retou­ren, Boni, Bezugs­kos­ten und Abschrif­ten müs­sen ein­heit­lich defi­niert sein. Der Roh­ertrag ist außer­dem noch kein Gewinn. Aus ihm müs­sen unter ande­rem Personal‑, Raum‑, Logis­tik- und wei­te­re Betriebs­kos­ten gedeckt werden.

4. Lagerumschlag und durchschnittlicher Lagerbestand

Der Lager­um­schlag (LUG) beschreibt, wie häu­fig sich der durch­schnitt­li­che Waren­be­stand inner­halb eines Zeit­raums rech­ne­risch umsetzt.

Lager­um­schlag = Waren­ein­satz zu Ein­stands­prei­sen ÷ durch­schnitt­li­cher Lager­be­stand zu Einstandspreisen

Bei einem jähr­li­chen Waren­ein­satz von 600.000 Euro und einem durch­schnitt­li­chen Lager­be­stand von 150.000 Euro ergibt sich ein Lager­um­schlag von 4.

Die rech­ne­ri­sche durch­schnitt­li­che Lager­dau­er beträgt bei einer ver­ein­fach­ten Jah­res­be­trach­tung mit 360 Tagen ent­spre­chend 90 Tage.

Ein hoher Lager­um­schlag kann auf einen effi­zi­en­ten Waren­fluss hin­wei­sen. Er ist jedoch nicht auto­ma­tisch posi­tiv: Ein zu nied­ri­ger Bestand kann zu feh­len­den Grö­ßen, Sor­ti­ments­lü­cken und ent­gan­ge­nem Umsatz füh­ren. Umge­kehrt kann ein nied­ri­ger Umschlag bei lang­le­bi­gen Basics durch­aus ange­mes­sen sein.

5. Abverkaufsquote und Preisreduzierungen

Die Abver­kaufs­quo­te zeigt, wel­cher Anteil einer ver­füg­ba­ren Waren­men­ge inner­halb eines defi­nier­ten Zeit­raums ver­kauft wur­de. Häu­fig wird sie auf Arti­kel­ebe­ne, nach Waren­grup­pen oder für ein­zel­ne Sai­sons berechnet.

Ihre Aus­sa­ge­kraft hängt wesent­lich von der Defi­ni­ti­on ab: Wer­den Anfangs­be­stand und Waren­ein­gän­ge berück­sich­tigt? Wer­den Retou­ren abge­zo­gen? Wel­cher Zeit­raum wird betrachtet?

Auch Preis­re­du­zie­run­gen sind ein wich­ti­ger Indi­ka­tor. Sie zei­gen, wie stark der ursprüng­lich geplan­te Ver­kaufs­preis kor­ri­giert wer­den muss­te. Ein hoher Abver­kauf ist wirt­schaft­lich nicht zwangs­läu­fig erfolg­reich, wenn er nur mit erheb­li­chen Rabat­ten erreicht wurde.

KER und internationale Kennzahlen: Wo liegt der Unterschied?

Im inter­na­tio­na­len Fashion Retail wer­den ergän­zend Kenn­zah­len ein­ge­setzt, die den erziel­ten Ertrag aus­drück­lich mit dem dafür gebun­de­nen Waren­ka­pi­tal ver­knüp­fen. Eine zen­tra­le Kenn­zahl ist der GMROI (Gross Mar­gin Return on Inven­to­ry Investment).

GMROI = erziel­ter Roh­ertrag in Euro ÷ durch­schnitt­li­cher Lager­be­stand zu Einstandspreisen

Ein GMROI von 2,0 bedeu­tet bei­spiels­wei­se, dass je Euro durch­schnitt­lich gebun­de­nem Waren­be­stand zwei Euro Roh­ertrag erwirt­schaf­tet wurden.

Die Kenn­zahl ver­bin­det damit zwei Per­spek­ti­ven, die in der klas­si­schen KER zunächst getrennt betrach­tet wer­den: die Ertrags­kraft der Ware und den Kapitaleinsatz.

Das lässt sich an einem ver­ein­fach­ten Bei­spiel verdeutlichen:

Zwei Waren­grup­pen erzie­len jeweils 100.000 Euro Roh­ertrag. In der ers­ten sind durch­schnitt­lich 50.000 Euro Waren­ka­pi­tal gebun­den, in der zwei­ten 100.000 Euro. Die ers­te Waren­grup­pe erreicht einen GMROI von 2,0, die zwei­te von 1,0.

Obwohl bei­de Waren­grup­pen den­sel­ben Roh­ertrag erwirt­schaf­ten, setzt die ers­te das gebun­de­ne Waren­ka­pi­tal deut­lich effi­zi­en­ter ein.

Der GMROI ersetzt die KER nicht. Er ergänzt sie um eine ent­schei­den­de Per­spek­ti­ve. Wäh­rend die KER die Ent­wick­lung von Umsatz, Mar­ge und Bestand detail­liert nach­voll­zieh­bar macht, ver­dich­tet der GMROI deren wirt­schaft­li­chen Zusam­men­hang in einer Kennzahl.

Dabei ist auf eine kon­sis­ten­te Berech­nung zu ach­ten. Ins­be­son­de­re müs­sen Roh­ertrag und Lager­be­stand auf der­sel­ben Bewer­tungs­ba­sis beru­hen. Außer­dem ist zu berück­sich­ti­gen, dass GMROI in der Pra­xis unter­schied­lich abge­grenzt wer­den kann, etwa hin­sicht­lich Retou­ren, Abschrif­ten und der ver­wen­de­ten Bestandsdurchschnitte.

Reichen die klassischen KER-Kennzahlen für eine objektive Beurteilung?

Die KER lie­fert eine unver­zicht­ba­re Grund­la­ge für die ope­ra­ti­ve Steue­rung. Ihre Aus­sa­ge­kraft ist jedoch begrenzt, wenn ein­zel­ne Kenn­zah­len iso­liert inter­pre­tiert werden.

Ein hoher Umsatz kann mit einer schwa­chen Mar­ge ein­her­ge­hen. Eine hohe erziel­te Han­dels­span­ne kann auf einem über­di­men­sio­nier­ten Lager­be­stand beru­hen. Ein guter Lager­um­schlag wie­der­um kann dadurch ent­ste­hen, dass zu wenig Ware ver­füg­bar ist. Kei­ne die­ser Kenn­zah­len beant­wor­tet für sich genom­men die Fra­ge, ob eine Waren­grup­pe einen ange­mes­se­nen wirt­schaft­li­chen Bei­trag leistet.

Hin­zu kom­men Beson­der­hei­ten der Fashionbran­che: Sai­so­na­li­tät, wech­seln­de Sor­ti­men­te, unter­schied­li­che Lie­fer­ter­mi­ne, Grö­ßen­läu­fe und ein zeit­lich begrenz­tes Voll­preis­ver­kaufs­fens­ter. Ein Durch­schnitts­wert für das gesam­te Jahr kann erheb­li­che Pro­ble­me ein­zel­ner Waren­grup­pen oder Grö­ßen verdecken.

Auch die rei­ne KER-Betrach­tung erfasst nicht auto­ma­tisch alle rele­van­ten Kos­ten. Ins­be­son­de­re Per­so­nal­auf­wand, Flä­chen­kos­ten, Logis­tik, Retou­ren­ab­wick­lung und kanal­be­zo­ge­ne Kos­ten müs­sen für eine voll­stän­di­ge Wirt­schaft­lich­keits­be­ur­tei­lung ergän­zend berück­sich­tigt werden.

Für eine belast­ba­re Steue­rung emp­fiehlt sich des­halb ein Kenn­zah­len­sys­tem, das meh­re­re Ebe­nen verbindet:

  • Ertrag: Net­to­um­satz, Roh­ertrag in Euro und erziel­te Handelsspanne.
  • Waren­pro­duk­ti­vi­tät: durch­schnitt­li­cher Lager­be­stand, Lager­um­schlag und GMROI.
  • Abver­kaufs­qua­li­tät: Abver­kaufs­quo­te, Voll­preis­an­teil und Preisreduzierungsquote.
  • Kapi­tal­bin­dung: Waren­be­stand zu Ein­stands­prei­sen, Reich­wei­te und Restantenbestand.
  • Gesamt­ren­ta­bi­li­tät: Deckungs­bei­trag nach rele­van­ten varia­blen Kos­ten und – soweit sinn­voll zure­chen­bar – Ergeb­nis nach Flä­chen- und Personalkosten.

Alle Kenn­zah­len soll­ten nach Waren­grup­pen, Sai­son und Ver­triebs­ka­nal aus­ge­wer­tet und mit Plan­wer­ten, Vor­jah­res­wer­ten sowie geeig­ne­ten Ver­gleichs­grup­pen abge­gli­chen wer­den. Dabei sind ein­heit­li­che Defi­ni­tio­nen und ver­gleich­ba­re Zeit­räu­me unverzichtbar.

Fazit: Die KER bleibt wichtig – aber sie ist nicht die ganze Wahrheit

Die kurz­fris­ti­ge Erfolgs­rech­nung ist im deut­schen Fashion Retail ein bewähr­tes Instru­ment, um die Ent­wick­lung des Waren­ge­schäfts trans­pa­rent zu machen und ope­ra­ti­ve Ent­schei­dun­gen recht­zei­tig abzu­lei­ten. Sie zeigt, wo Umsatz, Mar­ge und Bestand von den Erwar­tun­gen abweichen.

Für eine objek­ti­ve Beur­tei­lung der wirt­schaft­li­chen Leis­tungs­fä­hig­keit reicht sie allein jedoch nicht aus. Erst die Ver­knüp­fung von Roh­ertrag, Waren­ka­pi­tal­bin­dung und den rele­van­ten Kos­ten ermög­licht eine fun­dier­te Bewertung.

Der GMROI ist dafür eine sinn­vol­le Ergän­zung: Er macht sicht­bar, wie effi­zi­ent das im Waren­la­ger gebun­de­ne Kapi­tal Brut­to­mar­ge erwirt­schaf­tet. Zusam­men mit Abverkaufs‑, Preis- und Ergeb­nis­kenn­zah­len ent­steht so ein wesent­lich voll­stän­di­ge­res Bild.

Die ent­schei­den­de Fra­ge lau­tet des­halb nicht nur: Wie viel Roh­ertrag erwirt­schaf­tet eine Waren­grup­pe? Son­dern auch: Wie viel Waren­ka­pi­tal benö­tigt sie dafür – und wel­chen wirt­schaft­li­chen Bei­trag leis­tet sie nach Berück­sich­ti­gung der rele­van­ten Kosten?

Erst wenn die­se Fra­gen gemein­sam beant­wor­tet wer­den, wird aus der Kenn­zah­len­ana­ly­se eine belast­ba­re Grund­la­ge für Ein­kaufs­ent­schei­dun­gen und Unternehmenssteuerung.


Wei­ter­füh­ren­de Quellen